DGS Sonderheft Hygiene und Desinfektion

Biosicherheit: Zeigt her eure Stiefel

Die Stiefeldesinfektion ist auf vielen Betrieben immer noch ein „Stiefkind“. Prof. Ludwig Hölzle, Uni Hohenheim, Institut für Nutztierwissenschaften, gibt Hinweise, worauf zu achten ist.

Prof. Ludwig Hölzle, Uni Hohenheim/Institut für Nutztierwissenschaften, Fachgebietsleiter Infektions- und Umwelthygiene bei Nutztieren, Fachtierarzt für Mikrobiologie, Fachtierarzt für Tierhygiene Foto: Mayer
Prof. Ludwig Hölzle, Uni Hohenheim/Institut für Nutztierwissenschaften, Fachgebietsleiter Infektions- und Umwelthygiene bei Nutztieren, Fachtierarzt für Mikrobiologie, Fachtierarzt für Tierhygiene Foto: Mayer
DGS: Was sind die häufigsten Fehler?

Der erste Fehler, der gern gemacht wird, ist, die Schuhe nicht zu reinigen. Wenn Reste von Schmutz und Kot in den Profilen der Sohlen kleben, hat kein Desinfektionsmittel eine Chance. Der zweite Fehler ist, dass das Desinfektionsmittel nicht lange genug einwirkt. Hier sollte sich der Tierhalter mehr Zeit nehmen. Dann gibt es noch die Situationen, in denen die Desinfektionslösung gar nicht richtig wirken kann: Die Temperatur ist zu niedrig, die Lösung ist verschmutzt oder hat nicht die richtige Konzentration, zum Beispiel durch Eintrag von Regenwasser oder durch Verdunstung oder auch durch Austrag durch die Stiefelsohlen. Aus den letztgenannten Ausführungen folgt, dass die verwendeten Einrichtungen wie Wannen oder Matten gut „gepflegt“ werden müssen.

DGS: Warum muss die Stiefeldesinfektion unbedingt zum Biosicherheitsprogramm dazugehören?

Die beiden wichtigsten Übertragungswege für Keime in den Stall sind die Schuhe und die Hände. Das Bewusstsein für beides ist leider ziemlich verloren gegangen, weil wir durch konsequente Behandlung und Impfung viele Seuchen ausgemerzt haben, mit denen unsere Tierhalter im letzten Jahrhundert noch zu tun hatten. Der Ein- und Austrag von Infektionserregern in und aus Tierbestände kann also nur wirksam verhindert werden, wenn effektive Verfahren zur Stiefel- und Schuhdesinfektion in das Biosicherheitskonzept aufgenommen werden.

DGS: Welche Kriterien sind bei der Mittel Auswahl wichtig?

Die Zusammensetzung der zu erwartenden Mikroorganismen durch die Produktionsrichtung bestimmt die Auswahl der Mittel. Das Desinfektionsmittel muss also speziell auf das Einsatzgebiet abgestimmt sein, der Landwirt muss wissen, vor was er seinen Bestand schützen will. So vermeidet er den Einsatz von „Breitband“-Mitteln, die möglicherweise mehr schaden als nützen. Es gibt viele Mittel, die gegen Bakterien und Viren helfen, so besteht auch bei einer gezielten Auswahl des Mittels kaum die Gefahr von „Lücken“. Etwas schwieriger wird die Auswahl des Mittels, wenn Parasiten bekämpft werden sollen. Ich empfehle, ein in der DVG- Desinfektionsmittelliste aufgeführtes Präparat zu verwenden. Diese sind nach den Richtlinien der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft geprüft und als wirksam befunden. Der Landwirt ist im Normalfall nicht an diese Liste gebunden, im Seuchenfall jedoch schon. Die Einstufung der Desinfektionsmittel in dieser Liste ist im Internet tagesaktuell abrufbar.

DGS: Worauf muss man bei der Anwendung achten?

Desinfektionsmittel sind hocheffiziente, chemisch-toxische Substanzen. Daher ist es zunächst wichtig, auf entsprechenden Arbeitsschutz zu achten. Neben Handschuhen, Schutzbrille und Schürze gehören auch unbedingt geschlossene Schuhe dazu. Natürlich müssen die Anwendungsempfehlungen der Hersteller beachtet werden: Anwendungsgebiet, Konzentration, Dosierung, Einwirkzeit, für Wannen oder Matten geeignet. Und die Desinfektionslösung muss, je nach Häufigkeit der Nutzung und je nach Verschmutzung, in bestimmten Abständen ausgetauscht werden.

Dann gibt es noch den Kältefehler: Bei Kälte wirken viele Mittel weniger gut. Oder der Eiweißfehler: Blut, Eiter und andere eiweißhaltige Ausscheidungen können die Wirksamkeit verringern. In beiden Fällen muss möglicherweise höher dosiert werden, Hinweise dazu gibt es in der DVG-Liste.

Aber auch Hitze kann die Wirksamkeit eines Desinfektionsmittels verändern. Es könnte schneller zerfallen oder auch aktiver sein. Das ist stoffspezifisch verschieden. Unter Umständen muss das Mittel in der Wanne oder Matte schneller ausgetauscht werden. Hier können die Berater oder Firmenvertreter Hinweise geben.

DGS: WAS KANN MAN SONST NOCH TUN?

Reinigung und Desinfektion mit Schuhwechsel wäre optimal. Das funktioniert gut mit zwei Paar Schuhen: eines hat der Landwirt an, das andere steht in der Desinfektionslösung – dann stimmt auch die Einwirkdauer – oder trocknet. Schuhe vor dem Desinfizieren sauber machen. Wannen und Matten regelmäßig kontrollieren, Verschmutzung verhindern, Desinfektionslösung oft genug austauschen. Wannen sind besser als Matten, die Benetzung der Schuhe ist deutlich größer und man erkennt schneller, ob ein Austausch der Lösung nötig ist.

Annette Mayer, AR Agrarredaktion GmbH, Stuttgart

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