DGS Sonderheft Tiergesundheit

Unerwünschtes Verhalten frühzeitig erkennen

Bei dem vom Verbraucher aus Tierschutzgründen gewünschten Verzicht auf das Schnabelkürzen bei Legehennen ist die Gefahr von unerwünschtem Verhalten wie Federpicken und Kannibalismus gewachsen. Geflügelfachberaterin Jutta van der Linde gibt Tipps, bei welchen Anzeichen die Alarmglocken beim Hennenhalter schrillen müssen.

Jutta van der Linde ist Geflügelfachberaterin bei der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Fotos: privat
Jutta van der Linde ist Geflügelfachberaterin bei der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Fotos: privat
DGS: Welche Stellen am Tier werden begutachtet?
Jutta van der Linde: Die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen hat in jüngster Vergangenheit über einen Zeitraum von drei Jahren an einem Bundesprojekt teilgenommen, in dem bundesweit das Gefieder in Legehennenherden bonitiert wurde. Besondere Aufmerksamkeit wird bei einer Gefiederbonitierung auf die Bereiche Bürzeldrüse, Rückengefieder, hinterer Halsbereich und Legebauch gerichtet. Dort muss man unter dem Deckgefieder gezielt nach Partien mit fehlenden Federn suchen. Meistens geht es los im Bereich der Bürzeldrüse, dort wo der Rücken den Bogen zu den längeren Schwanzfedern macht. Bei braunen Herden kann man dies optisch auch gut erkennen: Wenn beim Blick über die Herden dort die ersten kleinen hellen Stellen zu sehen sind, müssen sofort die Alarmglocken schrillen. Zur Absicherung greift sich der Tierhalter das Tier und schaut genauer hin.

DGS: Worauf muss man achten, zum Beispiel bei der Haut oder den Federn?
Jutta van der Linde: Die ersten, fehlenden Federn bemerkt man oft nicht sofort. Kleinere Fehlstellen, die bei braunen Herkünften durch helle Gefiederstellen ins Auge fallen, sieht man zum Beispiel bei weißen Herkünften nicht. Da muss man das Tier schon in die Hand nehmen. Dies ist generell aber ohnehin angesagt. Wenn Probleme mit Federpicken auftreten, dann meistens, wenn die Herde in die Legespitze geht. Dann ist sie auf dem höchsten Leistungsniveau, und das ist der Moment, wo der Hennenhalter besonders wachsam sein sollte: Gibt er sonst die selbstverständlichen 100 %, muss er dann 200 % aufmerksam sein.

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Bei der Bonitierung nimmt er seine Hennen hoch und streift das Gefieder an den oben beschriebenen Stellen zurück. Bei guter Sicht – Licht, Brille – wird er schnell die Stellen finden, wo Federn fehlen: Dort sind winzige, offene Poren, die sogenannten Federfollikel. Da hat einmal eine Feder gesessen und an dieser Stelle wird auch wieder eine neue nachgebildet, sofern nicht bereits die junge, entstehende Feder wieder abgepickt wird. Dieses Nachwachsen ist besonders an größeren Kahlstellen schwierig, denn eine neue Feder sieht zunächst aus wie ein kleiner, glänzender Wurm und entfaltet sich erst später zu der Feder, wie wir sie kennen. Da Hühner anders sehen als wir und genetisch veranlagt sind, auf glänzende Objekte zu picken, erkennen sie schnell, dass sich in der glänzenden Federhülse Blut und somit begehrte tierische Proteine befinden. Ist dieses Stadium erreicht, ist das Kind schon ziemlich in den Brunnen gefallen, denn eine Henne mit dieser Erfahrung wird weiter „Jagd“ auf die begehrten Proteine machen. Hühner sind keine Vegetarier, sondern nehmen in der freien Natur tierische Proteine in Form von Insekten auf, wann immer sie welche erwischen.

DGS: Welche Veränderungen können toleriert werden?
Jutta van der Linde: An den eingangs beschriebenen Körperstellen sind fehlende Federn immer ein Alarmzeichen. Es gibt jedoch Gefiederveränderungen, die als sogenannte „Technopathien“ bezeichnet werden. Im Laufe eines „Arbeitslebens“ nutzt sich das Gefieder ab. Zum Beispiel können auch an der vorderen Halsseite Federn fehlen, die in der Regel durch Kanten von Futtertrögen beim Fressvorgang entstehen. Oder Federn auf Flügeldecken werden abgenutzt durch Vorbeistreifen an technischen Einrichtungsgegenständen im Stall. Kleine Krusten am Kamm haben nichts mit Federpicken oder Kannibalismus zu tun, sie rühren eher von Rangordnungskämpfen her. Dabei werden die Pickschläge der Aggressoren immer gegenseitig gegen den Kopf geführt.
                                            
Man muss die Tiere in die Hand nehmen, schon die ersten fehlenden Federn sind ein Alarmzeichen.
Man muss die Tiere in die Hand nehmen, schon die ersten fehlenden Federn sind ein Alarmzeichen.
Bei der Untersuchung der fehlenden Federstellen wird man übrigens seitlich der Brust über die gesamte Körperlänge einen breiten Kamm fehlender Federn finden. Dies sind keine durch Kolleginnen abgepickten Federpartien, sondern hier handelt es sich um den sogenannten „Brutfleck“, der natürlich bedingt ist. Diese Federn fallen zu Beginn der Legetätigkeit nach und nach aus. Diese Phase seiner Herde bemerkt der Legehennenhalter, wenn er – bei automatischem Sammelband – vermehrt kleine Flaumfedern auf dem Eierband findet.

DGS: Bei welchen Schäden muss schnell gehandelt werden?
Jutta van der Linde: Treten fehlende Federn an den eingangs beschriebenen Stellen auf, ist dies zumeist ein Umstand, der sich fortsetzen wird. Bereits bei einer Größe von 1 cm großen Fehlstellen ist erhöhte Wachsamkeit geboten. Eine Lichtreduktion sollte stets das letzte Mittel der Wahl sein. Erste Schritte sind immer Ursachenforschung bei gleichzeitiger erhöhter „Beschäftigungstherapie“ in der Herde.

DGS: Wieviele Tiere sollten untersucht werden?
Jutta van der Linde: Diesen Wert an einer Prozentzahl festzumachen ist schwierig. Um ein gutes Ergebnis abzubilden, sollten mindestens 50 Tiere einer Herde bonitiert werden. Dies wären dann in einem kleinen Mobilstall 20 %, während es in einem großen Feststall unter Umständen nur 0,3 % oder weniger wären. Kein Hennenhalter mit einem 15 000er Stall nähme sich die Zeit, 5 % (750 Tiere) oder 10 % (1 500 Tiere) zu bonitieren. Daher sind 50 Hennen – aus verschiedenen Stallregionen über alle Ebenen verteilt – ein guter Wert.
                    

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DGS: In welchen Abständen sollte bonitiert werden?
Jutta van der Linde: Der Hennenhalter sollte bereits bei der Einstallung die angelieferten Junghennen gut in Augenschein nehmen und Stichproben machen. Die Zeit dafür muss einfach „drin“ sein. In der laufenden Herde sollten auch regelmäßig einzelne Tiere bei den Kontrollgängen bonitiert werden, vor allem, wenn im Bereich der Bürzeldrüse helle Federstellen auftauchen.
                                  
Ich würde empfehlen, bis zur 35sten Lebenswoche wöchentlich oder zweiwöchentlich die bereits erwähnten 50 Tiere zu bonitieren, weil hier die Hennen noch deutlich an Gewicht zunehmen und dann neben der bereits sehr stark angestiegenen Legeleistung auch die Gewichtszunahme als Leistung erbringen müssen. In dieser Phase reagieren sie besonders sensibel, Fehler in diesem Abschnitt der Entwicklung werden später in der Legeperiode besonders stark bestraft.

Entscheidend ist, wie intensiv bereits bei der täglichen Kontrolle geschaut wird. Wenn hier regelmäßig Tiere in die Hand genommen werden, ist dann die tatsächliche Bonitur zweiwöchentlich zu machen. Wenn aber Hilfspersonal nur verlegte Eier absammelt, Futter und Wasser kontrolliert und wenig Blick für das Tier hat, sollte man wöchentlich bonitieren. Und danach in größeren Rhythmen, alle zwei oder vier Wochen, damit man einen Überblick hat. Ganz wichtig ist die zu empfehlende wöchentliche Gewichtskontrolle, um zu erfassen, wie sich das Tiergewicht im Laufe der Wochen verändert. Untergewichtige Herden mit obendrein schlechter Uniformität haben ein höheres Risiko, die Verhaltensauffälligkeiten Federpicken oder Kannibalismus zu entwickeln.

Mit einiger Erfahrung (Routine) ist die Bonitur an den richtigen Körperpartien schnell geschehen. Das Ausbreiten der Flugschwingen kann auch schon erste Hinweise liefern, ob die Junghennenherde das unerwünschte Verhalten bereits erlernt haben. Finden sich in den Federfahnen mehrerer Tiere schon beim Einstallen herausgepickte Dreiecke, ist schon zu Beginn ein wachsamer Blick auf die Herde zu halten. In so einem Fall sollte der Junghennenlieferant auch direkt in die Pflicht genommen und beratungsmäßig eng eingebunden werden, was den Start und Verlauf der Herde im Legehennenbetrieb anbelangt. Wird das Problemverhalten augenscheinlich aus dem Aufzuchtbetrieb mitgebracht, sollte dieses Miteinander selbstverständlich sein.

DGS: Vielen Dank für das Gespräch!
                                 

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